Fliessendes Licht

Eigentlich fotografiere ich morgens. Früh. Ziemlich früh. Während die meisten verdientermaßen friedlich in ihren Betten liegen und hoffentlich Süßes träumen, bin ich auf den Weg in die Natur. Warum? Nicht, weil lange schlafen schwierig geworden wäre. Wegen fortgeschrittenem Alter oder so. Die Gründe liegen woanders: Licht, Familie, Muße.
Das beste Licht findet man nun mal entweder in den Abendstunden oder am frühen Morgen. Am Abend muss ich mich aber entscheiden, verbringe ich ihn mit der Familie oder mit der Kamera. Das ist morgens anders. Wie in jedem vernünftigen Haushalt zeugt Stille davon, dass außer mir niemand auf die Idee kommt, den Tag um diese Uhrzeit beginnen zu lassen.
Und während alles schläft, darf ich dabei sein, zuhören und schauen, wie die Natur um mich herum erwacht. Allein für dieses Erlebnis lohnt sich das frühe Aufstehen. Beginnt der Tag doch auf wundervolle Weise. Und, so nichts dramatisches passiert, durchaus im Einklang mit mir.
Fotografiere ich abends, muss ich erst runterkommen, den Tag hinter mich bringen, ihn quasi abschließen. Um mich dann wieder einlassen zu können auf das, was ich draußen finde und erlebe. Was ganz toll sein kann, mir aber seltener gelingt. Meine schönsten Bilder sind deshalb am Morgen entstanden.

Das Bild, das ich heute zeigen möchte, gehört nicht dazu. Zu meinen liebsten Bildern natürlich, nur nicht zu den am Morgen entstandenen. Es ist aber nicht deshalb etwas besonderes. Es entstand am Abend, mit Familie.
Tags zuvor hatte uns ein Wolkenbruch ein abendliches Picknick am Strand des Wolin Nationalparks in Polen verregnet. Und genauso zeigte sich unser letzter Tag. Tristesse, Wolken, starker Regen. Wenig Möglichkeiten für ein Bild ohne Unterwassergehäuse und Neoprenanzug.
Bis ziemlich unerwartet kurz nach dem Abendessen ein Sonnenstrahl durchbrach. Und sich alle meinem Vorschlag anschlossen, den Rest des Abends am Strand zu verbringen.

Und was für ein Anblick. Eine aufgewühlte, springlebendige Ostsee. Ein Himmel für fotografische Träume. Also nicht strahlend blau. Stattdessen Wolken in allen Schattierungen von weiß bis schwarz. Dazwischen immer wieder ein kleiner Fetzen dunkelblau. Und zu allem Überfluss am Horizont genügend Luft für einen grandiosen, an Dramatik nicht zu übertreffenden Sonnenuntergang. Es soll Menschen geben, die solchen einen Anblick kitschig finden. Ich fand es großartig.

Wenig davon findet sich auf dem Bild, das mir von den vielen spannenden des Abends am besten gefällt. Es hat keine Wolken, keinen Himmel, nur Wasser, Licht und Bewegung.
Ich stand schon eine Weile in der Ostsee. Hatte einige statische und dynamische Bilder auf dem Chip – unter anderem übrigens das Bild im Header. Mal mit mehr, mal mit weniger Himmel, mal mit, mal gegen die Sonne, als mir der Gedanke kam, die Bewegung einer einzelnen Welle mit Hilfe des zum diesem Zeitpunkt goldenen Lichts darzustellen.
Und hier das Ergebnis, fotografiert mit 180 mm, f22 und 0,5 s.

6 Gedanken zu „Fliessendes Licht

    • Eins meiner Lieblingsbilder, auch nach über einem Jahr. Auch wenn ich es oft gesehen habe, kann ich mich nach wie vor darin verlieren. Schön, dass es Dir gefällt.
      Aber der Abend war auch einfach großartig. Erlaubte er doch eine Vielzahl unterschiedlichster Aufnahmen ohne große Veränderung des Standortes, wie etwa in WasserSicht 4 oder Sommerabendtraum 2 zu sehen.

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