Traumhafte Erscheinung

Drei Jahre dürfte es her sein. Die erste Begegnung. Denn von Treffen kann hier wirklich nicht die Rede sein. Ich saß im Auto, sie standen im Feld. Ich völlig überrascht, sie nicht aus der Ruhe zu bringend, sondern weiter stoisch vor sich hinpickend. Völlig ohne Beachtung der für mich nahezu historischen Begegnung.
Wenn es einen Moment gab, an dem der Gedanke gesät wurde, mit und in der Natur zu fotografieren, dann hier. Augenöffnende Sekundenbruchteile, in denen mir beim überraschenden Anblick auf dem Feld stehender Kraniche klar wurde, welch großartigen Erlebnisse auch hier, in diesem Land möglich sind. Wenn Augen und Ohren offen sind. Man sich einlässt. Aufnehmen will.

Ich hatte nie darüber nachgedacht. Aber wäre ich gefragt worden, zu Kranichen in Deutschland hätte ich mit den Schultern gezuckt.

Aber seit dieser flüchtigen Momentaufnahme begleiten mich die Vögel des Glücks. Zumindest in den drei Jahreszeiten, die man sie hier in Deutschland antreffen kann.
Immer wieder laufen sie über meinen Weg. Oder fliegen darüber. Sehr zu meiner Freude.
Großartig, ihre anmutigen Bewegungen zu verfolgen. In der Luft. Am Boden. Den erhabenen Gang. Zu beobachten, wie Kleinfamilien gemeinsam über Felder schreiten. Junge Kraniche vorbereitet werden. Auf den Flug gen Süden. Auf den sich mit Beginn des Herbstes alle freuen. Trotz der Länge. Trotz der Strapazen.

Unvergessen mein Abend im Linumer Bruch im vorletzten Herbst.
Abends. Furchtbares Licht. Kein Himmel. Nur grau.
Aber Zeit für die im Bruch pausierenden Kraniche sich von den Feldern zu erheben und gen Schlafplatz zu fliegen.
Ein Erlebnis. Unbeschreiblich.
Unzählige. Und zwar im wahrsten Wortsinne.
Zu Hochzeiten sind 80.000 Kraniche dort. Und mehr.
Der Himmel gefüllt. Ein V hinter, neben, unter dem anderen. Formationen von 20, 30, 50, 100 Kranichen.
Die Luft erfüllt. Von freudigen Schreien.
Unglaublich.
Traumhaft.
Ein Erlebnis, das ich jedem wünsche. So groß, so schön, so …
Wahnsinn.

Jetzt ist es wieder so weit. Die Kraniche sammeln sich, treffen sich mit Verwandten, Freunden, Bekannten. Aus Deutschland, Skandinavien, Polen.
Und, wenn ich ein wenig Glück habe, kann ich zusehen. Nächste Woche. Einen Abend, wenn Sie zum Schlafen fliegen. Einen Morgen, wenn sie aufbrechen, auf die Felder. Energie tanken vor dem langen Flug.

Und ansonsten freue ich mich über jede noch so zufällige Begegnung.
Wie im letztlich im Duvenstedter Brook.
Nebel, eigentlich undurchdringlich. Nur Schemen. Mehr ahnen als sehen.
Neben mir Schreie.
Kraniche.
Die Sonne hilft ein wenig. Nicht viel, aber zumindest wird erkennbar, was hörbar war.

Hier eingebettet in die morgendliche Nebellandschaft und fotografiert mit 400mm, f5,6 und 1/200s.

39 Gedanken zu „Traumhafte Erscheinung

  1. Zauberhaft.
    In der Gegend (nieders. Wendland) in der ich lebe, brüten sogar wieder einige Paare – es ist wirklich ein wunderbares Erlebnis, sie zu beobachten, ganz gleich, ob Einzelpaare, kleine Gruppen oder die großen Scharen während der Zug-Zeiten.

  2. Tolles Bild, die Plazierung der Tiere ist sehr entschlossen gewählt😉 Tolles Bild ich kann mir die Stimmung richtig vorstellen. Ich glaube ich habe noch nie Kraniche in Freiheit gesehen, aber der Taunus ist dafür wohl auch nicht die ideale Gegend.

    Gruß
    Oli

  3. Großartiges Bild! Sagte ich schon, dass ich Nebel liebe? Leider bekam ich aber bislang nur Raben/Krähen auf Feldern zu sehen. Nicht dass die aber nicht auch was für sich hätten – einsame Felder im Winter und das Geschrei dieser klugen Vögel machen eine wunderbare Stimmung. Einsamkeit. Aber nicht die, welche wehtut, sondern eher im Sinne von Stille. Ich muss mir unbedingt wieder angewöhnen, früher aufzustehen, man verpasst wirklich was…

    • Das kann ich gut nachempfinden. Der stille, einsame Schrei an einem kalten und nicht minder einsamen Wintermorgen oder herbstlichen Nebelmorgen. Ich genieße die Möglichkeit, der Natur beim Aufstehen zuhören zu können. Und zuschauen. Erst heute morgen, hier im Hamburger Wittmoor, schwebte mir der erste Silberreiher vor die Augen. Der Morgen war an sich schon großartig. Diesen eleganten Vogel zum ersten Mal so nah zu sehen, krönte den an sich schon tollen Nebelmorgen im Moor.

        • Schweren Herzens aber voller Freude.
          Nein.
          Kein Foto.
          Die Kamera eingepackt, das Objektiv falsch. Und jede Bewegung hätte ihn nur aufgescheucht. So durfte ich still seine Anmut genießen. Bis er mich letztlich doch bemerkte und erneut den Nebelschleier über sich senkte …

    • War auch gefühlt so. Zum ersten Mal bin ich an dem Morgen auf eine andere Strecke gebogen, da standen die beiden plötzlich vor mir. Na ja, nicht direkt, schon etwas entfernt. Und netterweise hatten Nebel und Sonne ein Einsehen und schenkten mir diesen kurzen Moment.

    • Der Moment war so traumhaft wie unwirklich. Plötzlich standen die beiden da, schienen sich über gott und die Welt zu unterhaltern. Oder das Wetter in Spanien. Und kurz danach hatte der Nebel sie wieder verschluckt.

  4. Einfach klasse, Text und Bild!

    Leider kriege ich Kraniche hier in Mittelhessen nur in V-Formation hoch am Himmel zu sehen. Aber immerhin… Hab sie auch so schon oft bewundert und mit dem Tele drauf gehalten.

    • Da habe ich Glück, dass bei uns wie etwa im Brook genug Natur und Wasserfläche vorhanden ist. Und seit einigen Jahren wieder Kraniche hier bei Hamburg brüten. Aber schon sie in großer Zahl und Formation am Himmel zu beobachten. Großartig.
      Und dass Dir der Post gefällt.

  5. Wenn man ganz still ist, nach dem Lesen des Textes, und sich dann auf dieses Bild, das immer ein neues und anderes wird, je länger man drauf- oder hineinschaut, konzentriert, hört man ein leises Rascheln. Vermutlich rührt das von den Federkleidern …

  6. Schön, Dein traumhaftes Bild🙂 Im Moment kann man, wenn man Glück hat, tolle traumhafte Bilder machen. Deine beiden Kraniche sind besonders gelungen. Kann ich mir ganz toll als Bild an der Wand vorstellen.
    LG

Ich freue mich auf Deine Sicht

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