Herbst im Moor

Unwirklich ist es. Ein ganz kleines bisschen unheimlich gar. Manchmal. Morgens im Moor. Zu dieser Jahreszeit.
Dunkel sowieso, keine Frage. Aber im Moment ist alles auch noch in einen undurchdringlichen, dunkelgrauen Schleier gehüllt. Der Blick reicht gerade für den nächsten Schritt. Nur schemenhaft tauchen einzelne Bäume auf. Bizarre Figuren einer vergessenen Welt. Und rascheln vor mir stellt klar, ich bin nicht der einzige, der kurz vor Dämmerung im Moor unterwegs ist. Obwohl sich niemand zeigen will. Allein bin ich nicht.

Ich bin gar nicht böse, als sich letztlich der Wald öffnet und den Blick freigeben möchte. Auf den Moorsee. Der allerdings noch sanft im dichtesten Nebel vor sich hin schlummert.

Nur langsam, fast widerstrebend gibt der Nebel den Blick frei. Und allmählich schälen sich kümmerliche Reste abgestorbener Bäume aus dem See. Von Osten verdrängt schließlich die Dämmerung das nächtliche Grau. Mit jeder Sekunde wird aus dem schemenhaften schwarz-weißen Gemälde eine in sanftes blau getauchte Szenerie.
Und während das Blau noch unschlüssig über das weiter Vorgehen scheint, treibt die Morgenröte zur Eile. Die Sonne drängt. Will endlich raus aus dem Bett. Die Welt in warmen, herbstlichen Farben malen.

Einzig der Nebel ist störrisch. Spielt mit der Sonne. Weicht zurück. Kommt wieder. Beharrt auf dem nächtens eroberten Platz. Lässt nicht mit sich reden. Noch nicht.
Hat er zu tun? Eine Aufgabe? Wen will er verstecken? Unterschlupf bieten? Vor Augen, die nicht hierher gehören.

Und dann.
Ein Schrei.
Warnung? Weckruf?
Eher ein Versichern.
Ob der Partner noch da ist.
Oder Freude, sich am Morgen wieder zu sehen.
Die freudige Antwort folgt jedenfalls prompt.

Kraniche. Zwei an der Zahl. Irgendwo am Ende des Sees. Weit weg von möglichen Störungen. Unsichtbar. Dank des schützenden, nebligen Schleiers.
Erst mit der Zeit sind zaghafte Schemen am Horizont zu entdecken. Leichte Bewegungen. Die aussehen, als würden die beiden ihre Müdigkeit aus den Federn recken. Oder bilde ich mir nur ein, was meine Ohren hörten.
Erst als die Sonne tatsächlich am Himmel steht. Als der Nebel fast aufgegeben hat. Erst dann sieht man die beiden. Für einen kurzen Moment. Strahlend schön in der Morgensonne. Bis sie sich elegant aus dem Wasser erheben. Langsam an Höhe gewinnen. Und verschwinden. Über den Bäumen.

Spätestens jetzt weiß ich, warum ich an diesem Morgen im Moor gewesen bin.

Und wenn man das Bild lange genug betrachtet. Wer weiß, vielleicht zeigen sich die beiden noch einmal.

Fotografiert mit 20mm, f8 und 5s.

28 Gedanken zu „Herbst im Moor

    • Das freue ich mich doch. Über beide Ohren…
      Zumal ich wirklich sehr gerne dort bin. Und schon mehr als einmal verzweifelt bin. Wegen der Schwierigkeiten, dort ein halbwegs ordendliches Foto zu machen.

  1. Sumpf und Moor kenne ich gar nicht aus eigener Betrachtung, aber Deine Geschichte und das Bild dazu lassen es lebendig werden. Es macht mich ein wenig frösteln, vielleicht auch, weil es eh heute so ein grauer und kalter Tag zu werden verspricht.
    Gruß Rosi

    • Ich bin gern dort draußen im Mooor. Obwohl ich glaube, es ist noch mehr Moorsee als Moor. Die Stimmung dort ist immer anderes. In der letzten Woche war ich an dreimal morgens dort. Jedesmal Nebel, jedesmal Sonne. Aber trotzdem nicht miteinander zu vergleichen.

  2. Frühaufstehen kann so schön sein!
    Der Gegensatz von heller, glatter Wasserfläche mit dunklen herausspießenden Hölzern zu weich aussehendem Gras mit zarteleuchtenden Spinnweben darin ist beinahe erzählerisch.

  3. Jetzt weiß auch ich, warum du an diesem Morgen im Moor gewesen bist, denn du hast es so erzählt, dass man es gut nachempfinden kann. Das Bild ist sehr gelungen und interessant durch den Nebel, die Baumstümpfe, die aus dem Wasser ragen und die Spinnweben, die zwischen den Gräsern hängen.

    • Es gibt dort leider nur ganz wenige Stellen, an denen man überhaupt fotografieren kann. Irgendwie stört immer irgendwas. Aber toll ist es dort trotzdem. Immer wieder aufs Neue. Schön, dass es Dir der imaginäre Ausflug gefallen hat.

    • Kein Nebel? Ich kann mir nur schwer vorstellen, darauf zu verzichten. Aber dafür kannst Du andere Geschichten erzählen, die mir versagt bleiben. Zumindest solange ich eher ans Meer fahre als in die Berge.

  4. Immer wieder genial, Deine Erzählungen, Du nimmst den Leser wunderbar mit auf Deine Fototouren und ganz gespannt erwartet man dann das Foto:-) was wieder sehr toll ist. Ich muss schauen, das ich keine Deiner Geschichten verpasse:-)

    • Ich stand und stehe relativ häufig dort. Jedes Mal aufs Neue Fasziniert von der Landschaft und den Stümpfen. Und frustriert von den wenigen Möglichkeiten, dort einigermaßen spannende Fotos zu machen.

  5. Lieber Michael, Blogkommentare sind eigentlich nicht mein Ding. Aber gerade bin ich mal wieder geplättet, wie feinfühlig Du Stimmungen interpretierst. Ich liebe Deine Texte – und hatte mal wieder die Sorge, dass Dein Bild diese Poesie gar nicht spiegeln kann. Mal wieder unbegründet … Einfach schön. Alex

Ich freue mich auf Deine Sicht

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