Weißes Moor

Plötzlich war er da. Direkt vor mir. Keine zehn Meter entfernt. Und mindestens so überrascht wie ich.

Erstarrt. In der Bewegung.
Eine Sekunde.
Zwei.
Drei, vier, fünf.

Bis wir beide realisierten, wer da eigentlich vor uns stand. Und überlegten, was als nächstes zu tun sei.

Doch während ich versuchte, die Kamera auf dem Stativ langsam in seine Richtung zu drehen, behutsam, ohne abrupte Bewegung. Er schien unschlüssig, wie mit der plötzlich aufgetretenen Situation umzugehen sei.

Letztlich besann er sich. Natürlich. Und bevor ich in der Lage war, einen Hirsch im frostigen Morgenlicht zu portraitieren, verschwand sein Hinterteil schon im nahen Wald.

Aber was für eine Begegnung.

Auge in Auge mit einem der Hauptdarsteller der diesjährigen Brunft.
Einem Verlierer zwar, die linke Schaufel fehlte. Zeugnis der kürzlichen Niederlage.
Aber so nah. Ohne Zaun. Irre.

Ich brauchte ein paar Minuten, mich von dem wohligen Schreck zu erholen. Dachte darüber nach, wie es wohl kam, dass wir beide einander nicht wahrnahmen.
Bei mir, klar, Konzentration auf das Foto.
Aber ich stand eigentlich deutlich sichtbar am Wegesrand.
Muss wohl ein wenig geträumt haben, der Gute. Von vertanen Chancen. Oder er hat überlegt, wie es wohl im nächsten Jahr klappen könnte. Wenn die Karten neu gemischt werden.

Ob auch ich noch einmal eine Chance erhalte, Auge in Auge mit einem Hirsch am Wegesrand zu stehen? Und ein Foto umsetzten kann? Wer weiß.

Dramatisch ist das nicht. Dafür war der Morgen zu schön, die Begegnung zu unbeschreiblich.

Und der Rückweg einfach traumhaft. Das Moor noch immer im weißen Kleid der nächtlichen Kälte. Die Sonne, leicht wärmend mit sanftem Licht. Zarteste Farbnuancen. Eine Landschaft wie in Pastell getaucht.

Und fotografiert mit 300mm, f4 und 1/1250s.

34 Gedanken zu „Weißes Moor

    • Ich mochte die unglaubliche Ruihe und Gelassenheit des Mors am Morgen kombiniert mit den unterschiedlichen weiß-gelb Tönen. Und konnte so an der Stelle, an der ich fast immer ein Foto mache, einfach nicht vorbeigehen.

  1. Na da hast Du ja ein Erlebnis gehabt. Ich kann mir das gut vorstellen, es gibt so ganz einfache Dinge im Leben die einen ganz schön überraschen wenn man sie erlebt. Auch wenn Du keine Foto von ihm machen konntest hast Du das Erlebnis und die Erinnerung daran, das kann Dir keiner nehmen. Das Bild ist es aber auch wert gewesen!

    Gruß
    Oli

  2. Eine solche Begegnung bleibt auch ohne Foto in Erinnerung, für Dich ganz alleine! Ich hatte einen ähnlichen Beinahezusammenstoss mit einem flüchtenden Reh. Bis heute unvergessen!!! Es ist nur ca. 2 m neben mir vorbeigeprescht!
    Lieben Gruß
    moni

    • Hirschen oder Rehe in freier Wildbahn zu begegnen ist wunderbar. Schwieriger ist es mit Wildschweinen. Da hatte ich einmal eine an sich ungeplante Verabredung mit einer Rotte bei Dämmerungsbeginn. Auch unvergesslich, aber auch etwas unangenehm.

  3. Was für eine Geschichte, das muss ein wirklich aufregender Moment gewesen sein, den man nicht vergisst…
    Ich kann es mir richtig vorstellen. Das Bild ist wieder in diesem wunderbaren Morgenlicht getaucht, so stimmungsvoll.

    LG, Kerstin

  4. Wieder so eine schöne Geschichte, und es reicht fast, dass man sie gelesen hat, man macht sich das dazugehörige Bild selbst im Kopf. Man empfindet es viel weniger als schade, dass es nicht hatte sein sollen mit dem Foto, bei einer so schönen Beschreibung. Die Landschaft sieht wunderbar aus, so rein und friedlich, die Pastelltöne sind herrlich.

    • Freut mich, dass der Hirsch da ist. Ich bin im Endeffekt wohl ganz froh, dass es nicht geklappt hat. Wer weiß, wie das Foto geworden wäre. Meine Erinnerung gefällt mir schon ganz gut.
      Und die Landschaft dort im Brook ist einfach herrlich. Nur an dem Morgen war es noch einmal einen Tick schöner.

  5. Was für ein Erlebnis! Beneidenswert!
    Natürlich wäre der Hirsch ein tolles Motiv geworden und ein vielleicht auch seltenes; aber dein Foto ist auch ohne ihn wundervoll!

    Liebe Grüße, Josie

    • Hin und wieder schlägt der Zufall zu, und es ergeben sich tatsächlich solch unvergesslichen Erlebnisse.
      Aber letztlich war der gesamte Morgen im Moor unvergesslich, wie es eben nur ein beginnender Morgen sein kann.

  6. Wie immer hast du eine tolle Stimmung eingefangen, auch wenn mich diesesmal der kleine Knuppel rechts ein bisschen stört. Und ich hab gesehn, dass du bei Coolphotoblogs nun als Newcomer gelistet wirst, herzlichen Glückwunsch!!!

    • Die Stimmung am Morgen war wahrlich traumhaft. Ohne den Baumstumpf rechts würde allerdings das Bild nicht funktionieren. Es hätte zu wenig Halt und würde zudem nach rechts kippen.

      Was Coolphotoblog angeht, kommt man da nicht irgendwann automatisch hin? Habe ich zumindest bisher gedacht.

      • Das der Stumpf an der richtigen Stelle ist, stimmt. Ich bin nur dran hängengeblieben, weil ich nicht gleich wusste, was es ist. Aber kompositorisch hast du vollkommen recht!
        Und ich weiß nicht, ob man da automatisch hinkommt, hatte den Eindruck, dass die schon so ’ne Art Auswahl treffen.

        • Ich weiß auch nicht, ich war schon eine Weile angemeldet. Und stand plötzlich da. Wie dem auch sei, freut mich.
          Und was den Stumpf angeht, ich habe natürlich den Vorteil eines deutlich höher auflösenden Bildes…

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